Hier stellen wir interessante Persönlichkeiten unseres Netzwerkes vor.
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Interview mit Thomas v. Hake, Vorstandssprecher des Waisenkinder-Fördervereins „Udayan Care Deutschland e. V.“ 

Thomas leitete beim letzten IndiAlumni-Jahrestreffen einen Workshop zum Thema „Fundraising für eine indische NGO“. Er hat Jura studiert, arbeitete danach als Unternehmensberater bei Boston Consulting und war später Vice President bei der Deutschen Telekom sowie Chief Opterating Officer bei Käuferportal. Im Moment baut er ein eigenes Unternehmen sowie den Waisenkinder-Förderverein „Udayan Care“ auf.

Lieber Thomas, woher kommt Dein Bezug zu Indien, Dein ursprüngliches Interesse?
Das war – ehrlich gesagt – Zufall. Ich habe ein Jahr in Indonesien gelebt und mich in vielen Ecken Asiens sehr wohl gefühlt. Als ich dann nach meinem Wechsel von der Deutschen Telekom zu einem Start-Up drei Monate Zeit hatte, wollte ich etwas Sinnvolles tun. Und da brachte mich ein Freund auf den Verein „Udayan Care“ in Delhi. Dort habe ich dann vor Ort mit Strategieberatung unterstützt – und der Kontakt hält bis heute.

Kannst Du uns die indische NGO „Udayan Care“ kurz vorstellen?
Udayan Care betreibt in Delhi eine Reihe von Waisenhäusern. Es geht darum, den Kindern mehr zu geben, als nur Essen und ein Dach über dem Kopf – sondern auch Zuneigung und Perspektiven. Eine entscheidende Rolle spielen die Pflegeeltern. Es geht darum, den Kindern tatsächlich Geborgenheit und elterliche Unterstützung zukommen zu lassen. Wenn es bei anderen Organisationen Pflegeeltern gibt, werden sie oft für ihre Tätigkeit bezahlt. Bei „Udayan Care“ arbeiten sie ehrenamtlich und verpflichten sich für mindestens zehn Jahre. Die Waisenkinder wachsen in middle class neighbourhoods auf und besuchen ausgewählte, besonders gute Schulen – auf Spendenbasis.
Neben den Waisenhäusern betreibt „Udayan Care das Shalini-Programm. Das Programm soll jungen Frauen – egal ob Waise oder nicht – Chancen auf höhere Schulbildung und Studium verschaffen. Tausende junge Frauen haben von den Shalini-Stipendien schon profitiert – alle aus Familien mit einem Monatseinkommen von weniger als 180 Euro.

Was ist das Ziel von „Udayan Care Deutschland e. V.“?
Wir sind – wie ihr – ein frisch gegründeter Verein. Unser Ziel ist es, Spenden für „Udayan Care“ in Deutschland zu sammeln. Konkret geht es um das Shalini-Programm in Noida, im Süden von Delhi. Um die Mädchen aus Noida zu unterstützen, wollen wir 2016 Spenden in Höhe von 10.000 Euro sammeln.

Wie entstand die Idee zu „Udayan Care Deutschland e. V.“? Wie habt Ihr Euch gefunden?
Wir wollten „Udayan Care“ in Delhi nachhaltig und langfristig unterstützen. Es gibt bereits viele deutsche Freiwillige, die in der Vergangenheit bei „Udayan Care“ in Delhi mitgeholfen haben. Wir rekrutieren uns aus solchen Ehemaligen und haben weitere Freunde für unsere Idee gewinnen können. Vor kurzem haben auch einige Neulinge aus dem Verein auch „Udayan Care“ in Delhi besucht. Wenn man das vor Ort sieht, identifiziert man sich sehr schnell mit dem Projekt.

Wie läuft bisher das Fundraising?
Unser Fundraising hat drei Säulen: Internet, Unternehmen und Veranstaltungen. Im Bereich Internet versuchen wir über unsere Website sowie mithilfe von „Better Place“ und „Google Ad Grants“ Spenden zu generieren. Daneben wollen wir mit deutschen Unternehmen kooperieren, die in Indien aktiv sind und dort etwas für ihre Corporate Social Responsibility tun wollen. Und nicht zuletzt machen wir Veranstaltungen, etwa Abendessen oder Vorträge, wo wir Spenden einwerben. Zum Beispiel hatten wir jetzt im November einen Vortrag von Jürgen Osterhage, der als ARD-Korrespondent lange in Delhi gearbeitet hat und sich sehr gut auskennt. Das war superspannend.

Kannst Du bei Deinem Engagement auch berufliche Erfahrungen einbringen? Oder profitiert umgekehrt auch Dein Engagement von den Erfahrungen?
Ich habe ja vor kurzem ein Start-Up gegründet und so ein frisch gegründeter Verein ist recht ähnlich. In beiden Fällen muss man eine Art Geschäftsmodell und eine Personalstruktur entwickeln, die funktionieren. Da sammele ich in meinem Start-Up Erfahrungen, die mir im Verein nützen – und genauso umgekehrt.

Du warst Referent beim letzten Jahrestreffen der IndiAlumni. Dort hast Du auch einen Workshop zum Fundraising geleitet. Was hast Du aus dem Treffen mitgenommen?
Der Workshop war wirklich super! Das war sehr hilfreich für mich, ich habe viele Ideen mitgenommen – vor allem zum Thema Kooperation mit deutschen Unternehmen. Karitative Tätigkeiten von Unternehmen werden in Indien ja absehbar verpflichtend werden – das eröffnet uns sehr spannende Chancen in der Zusammenarbeit. Außerdem haben sich durch den Workshop spannende persönliche Kontakte mit den IndiAlumni ergeben, die auch weiter halten, z. B. zu Kathleen Schneider aus Berlin.

Vielen Dank!

Das Gespräch führte Johann-Friedrich Fleisch.

 

Interview mit Dr. Christoph Senft, IndiAlumnus und Direktor des DAAD Information Center in Pune

Foto Dr Christoph Senft

Lieber Christoph, woher kommt Dein Bezug zu Indien, Dein ursprüngliches Interesse?

Ein ursprüngliches Interesse gab es eigentlich gar nicht. In meinem Anglistik-Studium hatte ich mich immer wieder mit anglophoner Literatur außerhalb Großbritanniens und der USA beschäftigt, wozu natürlich auch Indien zählt. Wir hatten also Texte von Salman Rushdie etc. im Studium besprochen. Als meine Universität (Tübingen) eine Kooperation mit der University of Pune startete und noch nach Austauschstudenten auf der deutschen Seite gesucht wurde, entschied ich meine Magisterarbeit über zeitgenössische englischsprachige Literatur aus Indien zu schreiben und bewarb mich für das zweisemestrige Austauschprogramm. Erst als ich am Flughafen in Mumbai stand, realisierte ich, dass ich eigentlich keine Ahnung von diesem Land hatte, bis auf einige wenige Romane, die ich darüber gelesen hatte. Es war also ein Sprung ins kalte Wasser.

Wie kam es, dass Du mit dem DAAD nach Indien gegangen bist? Wo warst Du und was hast Du dort gemacht?

Das besagte Kooperationsprogramm zwischen Tübingen und Pune war ein DAAD-gefördertes Projekt, d.h. die Austauschstudenten auf beiden Seiten bekamen ein Stipendium für ihre Aufenthalte in den jeweiligen Gastländern. Ich war an der University of Pune, hauptsächlich in der Anglistik, da dies für meine Magisterarbeit am Sinnvollsten war. Aber auch in der Germanistik ging ich ein und aus, da eine Freundin von mir dort als DAAD-Sprachassistenzin arbeitete und das Interesse an deutschen Gästen sehr groß war.

Warum hat es Dich nach Deiner Zeit als Stipendiat wieder nach Indien gezogen?

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland und der Abgabe der Magisterarbeit bot mir mein Betreuer an, dass ich bei ihm im Rahmen einer Dissertation weiter zur zeitgenössischen englischsprachigen Literatur Indiens arbeiten könne. Da mich das Thema interessierte und das Angebot mit einer Stelle an der Universität Potsdam verbunden war, entschied ich mich für die Doktorarbeit. In dieser Zeit reiste ich immer wieder für Forschungsaufenthalte nach Indien.

Was sind heute die Schwerpunkte Deiner Arbeit?

Heute arbeite ich Leiter des DAAD-Informationszentrums in Pune und als DAAD-Lektor in der Germanistik der University of Pune. Die Schwerpunkte meiner Arbeit sind einerseits als Vertreter des DAAD-Netzwerks Kontakte zu indischen Hochschulen zu pflegen, Studierende und Forscher zu informieren und beraten, die an deutsche Universitäten gehen oder mit diesen Zusammenarbeiten möchten und mir für den DAAD Wissen über den Hochschulstandort Indien zu erarbeiten, das deutschen Hochschulen zur Verfügung gestellt werden kann. Als Lektor unterrichte ich Teilzeit in der Germanistik. In meinem Fall bedeutet das, Kurse zu wissenschaftlichem Arbeiten und deutscher Literatur für Studierende des Master-Studiengangs anzubieten bzw. auch Postgraduierte bei ihren Projekten zu beraten.

Wie erlebst Du im Moment in Indien die gesellschaftlichen Entwicklungen seit der Wahl? Gibt es Auswirkungen auf Eure Arbeit?

Der DAAD blickt sehr gespannt auf die derzeitigen politischen Entwicklungen, speziell natürlich, wenn sie Auswirkungen auf die indisch-deutschen Hochschulkooperationen haben. Meines Erachtens ist vor allem die Mischung zwischen wirtschaftlicher Öffnung für den globalen Markt und dem Versuch, ein Gefühl der nationalen Einheit herzustellen, eine große Herausforderung, mit der sich die Regierungspartei konfrontiert sieht. In meiner konkreten Arbeit hat es tatsächlich aber noch nicht so viele Veränderungen gegeben, da viele Anstöße, Projekte und vielleicht auch Einschränkungen auf höchster Ebene diskutiert werden und bislang relativ wenig davon nach „unten“ durchgesickert ist.

Wie kam es, dass Du Mitglied im DAAD IndiAlumni Netzwerk geworden bist?

Als DAAD Indien-Alumnus finde ich die Arbeit des IndiAlumni Netzwerks sehr wichtig, da es meines Erachtens noch viel zu wenige Deutsche mit Indien-Expertise gibt bzw. diese noch viel zu wenig vernetzt sind. Zudem fand ich es immer sehr nett, Leute zu treffen, mit denen man seine Erfahrungen teilen kann und die einen verstehen, wenn man über die Eigenheiten und Besonderheiten dieses Landes spricht. Als DAAD-Lektor ist der Verein natürlich auch ein interessanter Ansprechpartner für mich, da ich immer wieder auf der Suche nach Unterstützern deutsch-indischer Beziehungen bin, z. B. wenn ich einen Ansprechpartner in einer bestimmten Stadt oder an einer bestimmten Hochschule suche, die den DAAD-geförderten Studierenden und Wissenschaftlern aus Indien weiterhelfen könnten. Nicht zuletzt war ich selbst jahrelang in einem DAAD-Alumniverein in Deutschland aktiv und weiß, wie viel Spaß die Arbeit machen kann und mit wie viel Energie man aus den Treffen herausgeht.

Das DAAD IndiAlumni Netzwerk ist nicht der einzige Alumni-Verein, in dem Du Mitglied bist. Du hast – als Vorstandsmitglied – auch schon in einem anderen Alumni-Verein gewirkt. Was sind nach Deiner Erfahrung die größten Chancen und die größten Herausforderungen für einen Alumni-Verein?

Ich denke, eine der größten Herausforderungen ist, eine eventuelle Kluft zwischen neuen Mitgliedern und „alten“ Freunden zu schließen. Auf der einen Seite entsteht eine solche Initiative meistens aus einer handvoll Menschen, die eine gemeinsame Erfahrung gemacht haben und Lust darauf haben, sich weiter zu treffen und Dinge anzustoßen. Auf der anderen Seite möchte man als Verein ja auch neue Alumni, mit neuem Input und anderen Interessen einbinden, ansonsten könnte man sich ja auch einfach außerhalb eines solchen Netzwerks treffen. Ich glaube, die beste Möglichkeit ein Gemeinschaftsmoment herzustellen ist der persönliche Kontakt. Trefft euch also so häufig es geht und bindet in diese Treffen immer neue Leute ein. Das klingt zwar etwas pathetisch, aber die Bereitschaft zu freiwilligem Engagement ist viel größer, wenn man für und mit Freunden aktiv ist. Die Riesenchance ist, persönliches Interesse mit gesellschaftlichem Mehrwert zu verknüpfen, seine Erfahrungen zu nutzen und weiterzugeben und dabei nette und interessante neue Leute kennenzulernen und jede Menge Spaß zu haben.

Das DAAD IndiAlumni Netzwerk führt deutsche Stipendiaten zusammen, die in Indien waren. Gibt es auf indischer Seite vergleichbare Initiativen?

Leider gibt es meines Wissens noch keinen Gegenpart auf der indischen Seite. Ich fände es toll, wenn es einen indischen Alumniverein gäbe, der partnerschaftlich mit dem deutschen Netzwerk verbunden wäre und ich versuche indische Alumni zu ermutigen, in diese Richtung aktiv zu werden. Der DAAD hat in Indien ein Netzwerk aus Young Ambassadors (Studierende, die gerade aus Deutschland zurückgekommen sind) und Research Ambassadors (etablierte Wissenschaftler mit guten Deutschland-Kontakten) geschaffen. Vielleicht ist dieses lose und zeitlich begrenzte Netzwerk (Young Ambassadors 1 Jahr, Research Ambassadors 5 Jahre) schon mal ein Schritt in Richtung eines etablierten indienweiten Alumni-Netzwerks. In dieser Hinsicht freue ich mich natürlich auch immer über Ideen und Anstöße von eurer Seite und helfe euch gerne, so gut ich es kann, als DAAD-Vertreter vor Ort weiter.

Vielen Dank!

Das Interview führte Johann-Friedrich Fleisch.